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EDITORIAL zum aktuellen Heft: Liebe „Historikus“-Leserinnen und Leser, was die Zahl der Todesopfer betrifft, so liefern sich der Zweite Weltkrieg und die Spanische Grippe einen makaberen Wettlauf um die Nummer eins unter den größten Katastrophen des vorigen Jahrhunderts. Einen ohne Ergebnis, es gibt nur Schätzungen, wie viele Millionen Menschen 1918/19 weltweit an der Virenerkrankung starben. Mit dem Krieg gleichsetzen kann man die Pandemie ohnehin nicht. Bei der Infektionswelle töteten sich die Menschen nicht gegenseitig, die Tragik spielte sich vielmehr im Verborgenen, hinter intakten Hauswänden ab. Das Elend war deshalb im Einzelfall nicht weniger schlimm – etwa wenn, wie auch im Vogtland geschehen, innerhalb weniger Tage gleich mehrere Angehörige einer Familie auf dem Krankenbett wegstarben. Während Plauener Betriebe wie die Plamag oder die Wema für jedermann ein Begriff sind, war, wenn man nicht gerade dort arbeitete, über die Spinnhütte in Reißig ziemlich wenig bekannt. Der Betrieb lag abgeschirmt mitten im Wald. Während des Krieges sollte die Tarnung vor Luftangriffen schützen, später in der DDR vor allzu großer ziviler Neugier. Denn die Spinnhütte produzierte Fallschirmseide, zuerst für die Wehrmacht, dann für die Armeen des Warschauer Vertrages. Oft ist es doch so, dass wir uns über die zeitliche Dimension von Geschichte kaum Gedanken machen. Karl der Große, Friedrich Barbarossa, Luther – alles Vergangenheit, alles ewig her. Dabei liegt zwischen den dreien jeweils eine größere Zeitspanne als zwischen uns heute und der napoleonischen Fremdherrschaft. Diesen Abstand gab es auch zwischen den beiden Pfarrern, die in dieser Ausgabe mit von der Partie sind. Als der eine zur Welt kam, war der andere schon über zweihundert Jahre tot. Bekannt wurden die gelernten Seelsorger beide durch ihr Hobby. Der ältere hieß Paul Rebhun und dichtete, der jüngere, Adam Friedrich Zürner, zeichnete Landkarten. Mit dem Vogtland verbinden die zwei ganz unterschiedliche Lebensphasen. Rebhun als Zugezogener, Eingepaschter, wie die Einheimischen wenig schmeichelhaft sagen (Pascher bedeutet eigentlich Schmuggler), brachte seine letzten Jahre in Plauen und Oelsnitz zu, der gebürtige Marieneyer Zürner verließ nach der Schule die Heimat und kam später in Dresden zu beruflicher Anerkennung und Ehre. Wenn man den Aussichtsturm auf dem Wirtsberg (vorbeifahren am Bauernmuseum Landwüst bis zum Ende der Straße an der Kirche und noch 200 Meter laufen) zum ersten Mal sieht, kann es schon sein, dass man auf Nachwende-Architektur tippt. Ist aber falsch, auch in der DDR wurde nicht nur null-acht-fünfzehn gebaut (wenn es denn Material gab). Der Pavillon auf dem Wirtsberg stammt aus dem Jahr 1986. Ob der Ausguck auch in die Landschaft passt, ist natürlich eine andere Frage. Eine des persönlichen Geschmacks. Blödsinn haben die Menschen schon immer im Kopf gehabt, und so manche nutzlose Erfindung ist älter, als man meint. Mit explodierenden Zigarren zum Beispiel legten arglistige Scherzkekse ihre Mitmenschen schon vor über 100 Jahren rein. Erschreckten sich die Opfer nur, war das ja okay. Aber es passierte, wie in unserer Episode, halt auch mal, dass so ein tückischer Scherzartikel mehr Ärger anrichtete. Zum Schaden den Spott hatten auch zwei Grazien bei Gotthold Roth. In den Episoden auf Seite 21 nimmt der Greizer Dialekt-Schriftsteller täppische Weiber hoch, die Eier und eine Wurst ganz besonders schlau vor langen Fingern schützen wollten. Roth war ein Spezialist für lustige Geschichten, ein unheimlich produktiver sogar. In seiner Freizeit schrieb der Lehrer in einem fort, zwischen 1900 und 1934 wurden zehn Bändchen mit 432 Mundart-Geschichten von ihm veröffentlicht. Zeitgenossen des schreibenden Schulmeisters amüsierten sich nach Feierabend dann doch lieber. Gern auch im „Kaiserhof“, in den es Roth übrigens gar nicht so weit gehabt hätte. Das Kulturhaus gibt es noch, allerdings nicht mehr unter diesem Namen. Wie es heute heißt? Da wartet auf Seite 27 ganz sicher keine unlösbare Aufgabe auf Sie. Ihr Andreas Krone |